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Mediation auf der Baustelle: Wie Kontrahenten zu einer einvernehmlichen Lösung kommen können

Die Einigung am »runden Tisch«

  • Shutterstock: Leo Wolfert

    Shutterstock: Leo Wolfert

Er ist keine Seltenheit: Streit auf der Baustelle zwischen Bauherr, Bauunternehmer oder Architekt. Egal ob im Privat- oder Objektbereich. Verhärten sich die Fronten, kann das für beide ins Geld gehen. Vor allem dann, wenn der Richter entscheidet. »Glücklich wird damit sowieso keiner«, sind sich Ortenauer Mediatoren einig.

Der Traum vom eigenen Häuschen oder Firmengebäude birgt während der Bauphase einige Risiken: Ungenaue Bau- und Leistungsbeschreibung, falsche Anschlüsse, falsch gelesene Baupläne, Verzögerungen bei der Fertigstellung, etwa bei einem Ausbauhaus, Feuchtigkeit, Vergütungsstreitigkeiten und, und, und. Josef Roman Straub aus Sasbach könnte Bücher füllen über Unstimmigkeiten am Bau, die, wie er sagt, mitunter auch auf Missverständnissen oder ganz einfach ruppigem Umgang miteinander basieren.

Der Ingenieur, Architekt und zertifizierte Sachverständigen-Mediator (IHK Nürnberg) ist schon lange »im Geschäft«. Er kennt sich auf den Baustellen aus, kennt die Anlässe zum Streit und schüttelt den Kopf über die Unkenntnis darüber, dass es genau für diese Fälle Mediatoren gibt. Mit dieser Meinung gehen auch Diplom-Ingenieur und Wirtschaftsmediator (IHK Steinbeis) Andreas Ritter aus Schutterwald sowie Architekt und Mediator Rainer Lehmann aus Zell am Harmersbach d’accord. Denn anders, als beim Verfahren vor Gericht, wird bei der Mediation ausschließlich nach einvernehmlichen Lösungen, nach Kompromissen gesucht, mit denen beide Parteien leben können. »Da geht es nicht unbedingt um Schuld und Sühne, sondern um ein gemeinsames Erarbeiten der weiteren Vorgehensweise, das natürlich auch die künftig einvernehmliche und offene Zusammenarbeit zum Ziel hat«, erklärt Josef Roman Straub.

Der Ablauf des Mediationsverfahrens: Eine Partei tritt an den Mediator heran, schildert die Situation, erstellt gegebenenfalls bereits eine Punkte- beziehungsweise Mängelliste und bekundet die Bereitschaft, sich mit der anderen Partei unter Moderation an den »runden Tisch« setzen zu wollen. Der ist bei Herzog und Ritter übrigens tatsächlich so konstruiert, dass kein Gesprächsteilnehmer aufgrund seiner Sitzposition einen Vorteil hätte.

Gefragt sind Diplomatie und viel Psychologie: Sind beide Parteien mit dem Verfahren einverstanden, wird ein verbindlicher, schriftlicher Vertrag geschlossen. Danach sind Fingerspitzengefühl, Psychologie und professionelle Gesprächsführung gefragt. Herauszuarbeiten sei zu Beginn der wichtigste Punkt: »Über was sprechen wir hier eigentlich?«, fasst Andreas Ritter den entscheidenden Schritt zusammen. Schließlich habe jeder Mensch seine eigene Wahrnehmung und leite daraus auch seine eigene Sichtweise, seine Wahrheit ab. »Wir müssen hinter Behauptungen lesen können«, ergänzt Josef Roman Straub, der im gleichen Atemzug von »Verletzungen« in der Zusammenarbeit spricht, die in der Vergangenheit liegen können. Gemeint sind damit Situationen, die als mangelnde Wertschätzung oder Unaufmerksamkeit empfunden wurden. »Da genügt oft nur noch eine kleine Unstimmigkeit, und das Fass läuft über«, weiß Straub aus Erfahrung.

Ziel ist Win-win-Situation: Sind derartige Hintergründe einmal erkannt, können Streitpunkte »wegverhandelt«, von der Liste gestrichen werden, erklärt Andreas Ritter. Bei anderen Punkten wiederum bringt der Moderator einen Lösungsvorschlag ins Spiel, der eine Win-win-Situation eröffnet. Darüber wird gemeinsam bis zum für beide gangbaren Weg verhandelt. »Der Handschlag zählt dabei auch heute noch«, erzählt Andreas Ritter. Schritt für Schritt wird so eine Schlusszusammenfassung erarbeitet, die rechtlich Bestand hat, mit Rechtsanwälten noch einmal abgestimmt werden kann, und die gegebenenfalls notariell beurkundet wird.

Der beste Weg, der freilich nicht immer bis zum Ende gegangen wird: Weil eine Partei das Verfahren frühzeitig verlässt oder weil es bei einem oder mehreren Punkten doch einer juristischen Klärung bedarf. Auf jeden Fall aber minimiere sich die Streitsumme, an der Mediatoren nicht verdienen wollen, so die drei Ortenauer Experten unisono. Ihre Bezahlung erfolgt nach Stundensatz, »der wiederum in der Mediationsverordnung der Südbadischen IHK festgelegt ist«, erklärt Andreas Ritter. »Die Gesamtkosten teilen sich die Parteien in der Regel hälftig«, ergänzt Rainer Lehmann.

 Auf genaue Nachfrage gibt Rainer Lehmann, der seine Ausbildung an der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung an der Albert-Ludwigs-Universität und PH in Freiburg durchlief, offen, wenngleich bedauernd zu, dass er in seiner neunjährigen Laufbahn als Mediator nur einen einzigen Fall im Baubereich zu bearbeiten hatte.

Bei Josef Roman Straub fallen pro Jahr drei bis vier Verfahren an, Andreas Ritter ist stärker eingespannt, denn bei ihm geht es hauptsächlich um (Vergütungs-)Streitigkeiten zwischen Bauunternehmen und der öffentlichen Hand.